Walter Ruck und Michael Ludwig

Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob gegen SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig (l.) und dem ehemaligen Wiener Wirtschaftskammer-Präsidenten Walter Ruck ein Anfangsverdacht steht.

13. August 2026 / 15:54 Uhr

Anzeige gegen Ruck und Ludwig: FPÖ bringt „Stelzen-Gate“ jetzt vor die Justiz

Rund zwei Wochen nach dem Rücktritt von Walter Ruck als Präsident der Wirtschaftskammer Wien bestätigt die Staatsanwaltschaft Wien gegenüber der Kronen Zeitung, dass eine Anzeige wegen Missbrauch der Amtsgewalt eingelangt ist – und zwar nicht nur gegen den gefallenen Kammerboss, sondern auch gegen Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig. Angezeigt hat den Fall die FPÖ Wien, geprüft wird nun, ob ein Anfangsverdacht besteht und welche Behörde überhaupt zuständig ist.

Vom Stelzen-Gate zum „Rucktritt“

Im Jänner enthüllten Kronen Zeitung und profil die vielfältigen Kammer-Karrieren der Familie Ruck. Einige Monate später folgte das, was in den Medien rasch als „Stelzen-Gate“ bezeichnet wurde: Ein geleaktes Protokoll aus dem Jahr 2025, das Krone und profil exklusiv vorlag und eine Herrenrunde im Wiener Praterlokal Schweizerhaus dokumentierte.

Im Zuge der Affäre verlor Ruck schrittweise seine politische Basis. Zuerst kam der Parteiausschluss aus der ÖVP, dann der Rückzug – der vielsagende „Rucktritt“ – als Präsident der Wirtschaftskammer Wien. Die Nachfolgerin sprach später in der Krone von „Es war halt eine Herrenrunde“, Ruck selbst versuchte nach dem Parteiausschluss in Interviews seine Sicht der Dinge zu verteidigen. Doch zwischen ihm und SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig, der ihn lange stützte, passte bis zuletzt sprichwörtlich kein Blatt. Genau dieser Schulterschluss über Parteigrenzen steht nun im Mittelpunkt der Anzeige.

Schweizerhaus-Sager: „Du, Michi, im Übrigen, ich habe einen“

Kernstück der Geschichte ist ein Satz in dem geleakten Protokoll. Darin schildert Ruck, wie er den früheren ÖVP-Gemeinderat Manfred Juraczka als Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien „eingefädelt“ haben will – und zwar abgesprochen mit Bürgermeister Ludwig im Lokal Schweizerhaus. Die zitierten Worte: „Du, Michi, im Übrigen, ich habe einen.“

Die Wirtschaftsagentur Wien wird damit zur Bühne für einen möglichen Missbrauchsvorwurf: Ging es bei der Bestellung Juraczkas um eine normale Personalentscheidung – oder um parteipolitisch motivierte Posten-Schieberei mit Amtsbonus? Die FPÖ sieht laut Anzeige Verdachtsmomente, die Justiz prüft.

Ruck kostete die Affäre samt sexistischer Aussagen in der besagten Herrenrunde bereits die ÖVP-Mitgliedschaft und das Amt. Ludwig blieb bislang politische Kritik erspart, zumindest was direkte Folgen betrifft. Nun aber steht der Bürgermeister nicht mehr nur im politischen, sondern auch im justiziellen Scheinwerferlicht. Beide haben die Darstellung des Protokolls und die Vorwürfe mehrfach zurückgewiesen.

Traumazentrum Meidling: „Einseiter“ als heikler Baustein

Während die Staatsanwaltschaft zu Details der Anzeige keine Auskünfte gibt, skizziert die Kronen Zeitung mögliche Ansatzpunkte der Ermittler. Demnach könnten Ruck-Aussagen zum neuen Traumazentrum Meidling, früher Unfallkrankenhaus Meidling in Wien, eine Rolle spielen. Der ehemalige Wirtschaftskammer-Präsident soll in der Herrenrunde erzählt haben, dass eine Stadträtin vor Beginn des Umbaus einen Architekturwettbewerb habe durchführen wollen.

Ruck habe laut Protokoll allerdings einen „Einseiter“ verfasst, weil man auf Basis der damaligen Widmung „derzeit alles hinbringen“ könne – nur eben nicht so großzügig. Zu „Michi“ – gemeint ist offenbar Bürgermeister Michael Ludwig – will er gesagt haben: „Fällt dir was ein?“ Ludwig habe das Thema danach laut Darstellung an einen gewichtigen Manager der Stadt weitergereicht, der wiederum einen hohen Magistratsbeamten instruiert habe. Nach einem Monat sei alles „auf Schiene“ gewesen.

Laut dem Protokoll soll eine Verzögerung von bis zu drei Jahren beim Projekt Traumazentrum Meidling rund hundertzwanzig Millionen Euro gekostet haben. Genau diese Zahl und der vermeintliche Einseiter bilden den Unterbau für den politischen Verdacht – nämlich, dass hier mit Widmungen und Verfahren so jongliert worden sein könnte, dass es der Stadt und bestimmten Projekten passt. Ob darin tatsächlich ein Fehlverhalten liegt, ist offen, die Anzeige will offenbar klären lassen, ob Amtsgewalt im Spiel war.

Stadt Wien kontert: „Einen Einseiter kennen wir nicht“

Aus dem Rathaus kommt zu all diesen Punkten eine klare Gegenposition. Die Stadt Wien teilt laut Kronen Zeitung mit: „Einen Einseiter kennen wir nicht.“ Zur Widmung für das Traumazentrum Meidling verweist man auf konkrete Fakten. Im Oktober 2020 sei ein Widmungsansuchen der AUVA für die Errichtung eines Rehabilitationszentrums auf der Liegenschaft Längenfeldgasse / Kerschensteinergasse bei der MA 21A eingelangt.

Aufgrund der Größe und der Wirkung auf das Stadtbild habe man der AUVA mitgeteilt, dass ein Architekturwettbewerb notwendig sei. Der Beschluss des Flächenwidmungsverfahrens sei schließlich im September 2023 erfolgt. Damit habe das gesamte Verfahren, von Antrag bis Beschluss, tatsächlich rund drei Jahre gedauert. Aus Sicht der Stadt spricht das eher für das normale, teils mühsame Tempo von Widmungsprozessen – und nicht zwingend für eine „Abkürzung“ via Einseiter oder politische Intervention. Demnach bleibt offen, ob es hier überhaupt zu einem rechtlich relevanten Fehlverhalten gekommen ist.

Ludwig dementiert Freimaurer-Vorwürfe

Parallel zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit der Wirtschaftsagentur und dem Traumazentrum Meidling tauchten in der Debatte auch Spekulationen über weitergehende Netzwerke auf. Ludwig dementierte zuletzt in einem Interview auf Ö1 ausdrücklich, dass er mit Ruck in derselben Freimaurerloge sei. Damit versuchte der Bürgermeister, die Diskussion über informelle Kreise und Logen im Hintergrund der Personalpolitik zu entschärfen.

Für Walter Ruck und Bürgermeister Michael Ludwig gilt die Unschuldsvermutung. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob ein Anfangsverdacht besteht und wer für die Causa zuständig ist. Ob es zu Ermittlungen kommt, ist offen.

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