Nach der Flammenlinie entlang des Etschdamms werden die Stimmen lauter, die sich gegen die geplante Aufteilung des Senatswahlkreises Bozen-Unterland erheben.
Nach der Flammenlinie wächst der Widerstand
„Das Unterland gehört zusammen und darf nicht geteilt werden“, lautete die zentrale Botschaft des Protestes. Bürgermeister, Gemeinderäte, Schützen, Vereine und zahlreiche Bürger verlangen von der Südtiroler Volkspartei (SVP), die Änderung des Wahlkreises mit allen verfügbaren Mitteln zu verhindern.
Schwächung der Tiroler in Tirol
Auslöser ist ein Änderungsantrag des italienischen Abgeordneten Alessandro Urzì von den „Brüdern Italiens“ (Fratelli d’Italia), der Partei von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, der italienischen Abgeordnetenkammer in Rom. Er wurde dort am 15. Juli 2026 im Plenum behandelt und von der Regierungsmehrheit angenommen.
Demnach werden Eppan, Kaltern, Tramin, Kurtatsch und Margreid künftig dem Senatswahlkreis Meran-Vinschgau zugeschlagen. Aldein soll in den Wahlkreis Brixen wechseln. Im neu zugeschnittenen Wahlkreis Bozen würden dadurch jene Gemeinden stärker ins Gewicht fallen, in denen die nach dem ersten Weltkrieg eingewanderte italienische Sprachgruppe dominiert.
Petition, Flugblätter und Spruchbänder
Seit dem unzensuriert–Bericht haben die Gegner der Reform ihren Protest auf mehrere Ebenen ausgeweitet. Der SVP-Bezirk Unterland startete eine Online-Petition für den Erhalt des bisherigen Wahlkreises. Bereits am ersten Tag wurden nach Angaben der Bezirksvertreter rund 770 Unterstützer gezählt. An zahlreichen Orten wurden Spruchbänder aufgehängt.
Gleichzeitig verteilten junge Schützen in den Haushalten des Unterlands Flugblätter. Darin wurden die Bürger über die geplante Neuordnung informiert und dazu aufgerufen, sich gegen die Teilung zu stellen.
Gemeinderäte beschließen geschlossenes Nein
Auch auf kommunaler Ebene wächst der Druck. Der SVP-dominierte Gemeinderat von Kurtinig lehnte die Neuordnung in einer eigens einberufenen Sitzung einstimmig ab. Die Gemeinde fordert, den Änderungsantrag in Rom zu streichen und die politische Vertretung des Unterlands zu erhalten.
Ähnliche Beschlüsse sind in sämtlichen betroffenen Gemeinden vorgesehen. Truden und Tramin hatten bereits entsprechende Initiativen beschlossen. Weitere Gemeinderäte sollen folgen. Damit soll der Eindruck widerlegt werden, der Protest werde lediglich von einzelnen Funktionären oder den Schützen getragen.
Es geht um den Schutz der deutschen Volksgruppe
Kurtinigs Bürgermeister Manfred Mayr betonte sinngemäß, dass es nicht um eine technische Verschiebung von Gemeindegrenzen gehe, sondern um den politischen Minderheitenschutz und die künftige Vertretung des Unterlands in Rom. Parteitaktische Interessen dürften dabei nicht ausschlaggebend sein.
SVP-Spitze sucht Ausweg in Rom
Am vergangenen Donnerstag trafen Vertreter des SVP-Bezirks Unterland mit Parteichef Dieter Steger und Senator Meinhard Durnwalder zusammen – ohne Ergebnis. Die Parteiführung hält es offenbar für wenig erfolgversprechend, die gesamte Wahlreform im Senat durch Gegenstimmen zu Fall zu bringen.
Stattdessen soll nun auf die Regierungspartner in Rom eingewirkt werden. Die SVP will insbesondere bei den „Brüdern Italiens“ sowie bei den Ministern Antonio Tajani, Roberto Calderoli und Matteo Piantedosi auf eine Rücknahme der umstrittenen Wahlkreisänderung drängen.
Basis gegen Parteiführung
Die Unterlandler Bezirksvertreter, fast alle von der SVP, verlangen aber weiterhin, dass die SVP-Senatoren gegen die Reform stimmen, sollte die Teilung nicht aus dem Gesetz gestrichen werden. Zuvor hatte der Bezirksausschuss sogar einen geschlossenen Rücktritt für den Fall in Aussicht gestellt, dass die Forderungen des Unterlands unberücksichtigt bleiben.
Damit bleibt die SVP in einer schwierigen Lage: Sie regiert in Südtirol gemeinsam mit der Meloni-Partei, aus deren Reihen der umstrittene Änderungsantrag stammt.
Steger räumt schwere Fehleinschätzung ein
Besonders bemerkenswert ist das inzwischen erfolgte Eingeständnis von SVP-Obmann Dieter Steger. In einem am Wochenende veröffentlichten Interview räumte er ein, die emotionale und politische Bedeutung der Wahlkreisfrage für die Bevölkerung des Unterlands unterschätzt zu haben.
Die Angelegenheit sei eben keine bloße technische Korrektur von Grenzen. Vielmehr berühre sie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Region und die Sorge, politisch auseinandergerissen zu werden. Damit bestätigte Steger indirekt einen zentralen Vorwurf der Protestbewegung.
SVP: Kein Kuhhandel
Der SVP-Obmann bestritt allerdings, das Unterland bei den Verhandlungen mit der italienischen Regierungsmehrheit bewusst in einem Kuhhandel eingesetzt zu haben. Nach seiner Darstellung sollte ursprünglich der bestehende Wahlkreis erhalten bleiben. Die Änderung sei erst später durch Urzìs Antrag in das Gesetz gelangt.
Steger kündigte an, gemeinsam mit der Parteiführung weiter nach einer Lösung zu suchen. Die Aussichten seien nicht rosig. Denkbar sei eine Verständigung, bei der die SVP ihre Interessen für die Parlamentswahlen 2027 mit den Anliegen der italienischen Regierungsparteien verbindet.
Vorwurf eines politischen Tauschgeschäfts
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der Gegner an. Sie befürchten, dass der Wahlkreis Bozen-Unterland im Rahmen eines größeren politischen Handels geopfert worden sein könnte.
Die italienischen Rechtsparteien hätten durch die neue Grenzziehung bessere Chancen auf einen zusätzlichen Senator, während die SVP an anderer Stelle Vorteile erhalten könnte.
Folgen der Wahlkreisänderung
Die Wahlkreisänderung wirkt sich erheblich auf die völkische Zusammensetzung aus: Im bisherigen Senatswahlkreis Bozen liegt der Anteil der Deutschen bei knapp 41 Prozent und jener der Italiener bei rund 58,5 Prozent. Nach der geplanten Neuordnung würde der deutsche Anteil auf knapp 31 Prozent sinken, während der italienische Anteil auf beinahe 69 Prozent stiege.
Gleichzeitig würden die deutschsprachigen Mehrheiten in den Wahlkreisen Meran und Brixen weiter anwachsen. Kritiker sehen darin den Versuch, die italienischen Stimmen im Raum Bozen zu bündeln und so die Wahl eines italienischen Senators abzusichern.
Opposition verlangt politische Konsequenzen
Die Süd-Tiroler Freiheit spricht weiterhin von einem Versagen der SVP und verlangt, dass die Partei notfalls ihre Koalition mit den beiden Rechtsparteien Brüder Italiens und Forza Italia beendet. Auch die Grünen kritisieren, dass die SVP ihre Handlungsmöglichkeiten gegenüber den italienischen Regierungsparteien nicht konsequent genutzt habe.
Die Freiheitlichen wollen über die bloße Rücknahme des Urzì-Antrags hinausgehen. Sie schlagen vor, Südtirol bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer und zum Senat jeweils als einen einzigen Wahlkreis zu behandeln und die Mandate nach dem Verhältniswahlrecht zu vergeben. Dadurch sollen taktische Grenzverschiebungen zugunsten einzelner Parteien oder Volksgruppen verhindert werden.
Österreich als Schutzmacht gefordert
Inzwischen werden auch Forderungen nach einem Einschreiten Österreichs lauter. In einem Leserbrief in der größten deutschen Tageszeitung in Südtirol, Dolomiten, wird ein offizieller Appell an die Republik Österreich verlangt, ihre Schutzmachtfunktion für Südtirol wahrzunehmen.
Konkret wird auf die sogenannte Paketmaßnahme 111 verwiesen, welche die Vertretung Südtirols im italienischen Parlament betrifft.
Unterstützung von der FPÖ aus Österreich
Unterstützung hat der Widerstand in Nordtirol. Die aus Kurtatsch stammende FPÖ-Landtagsabgeordnete und Südtirol-Sprecherin Gudrun Kofler stellte sich gemeinsam mit Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit gegen die Wahlkreisänderung.
Unter dem Motto „Ihr wollt das Unterland opfern? Nicht mit uns!“ werfen beide den Verantwortlichen vor, die deutschen Gemeinden zugunsten eines italienischen Mandats politisch auseinanderzureißen.
Entscheidung im September
Die Entscheidung in der Zerteilung des Unterlandes dürfte im September fallen. Bis dahin wollen die SVP und ihre Vertreter in Rom versuchen, den Änderungsantrag aus dem Gesetz zu entfernen.
Im Unterland wird derweil weiter mobilisiert. Aus der Flammenlinie entlang der Etsch ist innerhalb weniger Tage ein politischer Flächenbrand geworden.
