Wenn ein Leser Neutralität für das Kriegsland Ukraine vorschlägt, landet der Brief nicht in der Zeitung – sondern die Belehrung kommt direkt aus dem Korrespondentenbüro.

5. September 2026 / 12:24 Uhr

Zeit-Korrespondentin gegen Neutralität: Leserbrief landet im Papierkorb, Propaganda kommt per Mail

Ein Leser aus Hamburg schickt der Zeit einen Leserbrief. Sein Vorschlag ist so alt wie der Kalte Krieg und so einfach wie ein Grenzstein: der Ukraine den Status eines neutralen Landes geben. Veröffentlicht wird der Text nicht. Stattdessen antwortet Olivia Kortas persönlich – Korrespondentin derselben Zeitung in Kiew, Ukraine.

Zeit-Korrespondentin reagiert mit Einheitsmeinung

Der enttäuschte Leser wendet sich mit dieser Gechichte per Mail an unzensuriert. Die Autorin, so zitiert der Hamburger Leser sie, antwortete auf seinen Leserbrief nur:

Die Ukraine hatte einen neutralen Status und trotzdem hat Russland das Land überfallen, mit dem Ziel, es zu besetzen und ihm die Souveränität zu nehmen. Neutralität gewährleistet nicht die Sicherheit für die Ukraine.

Nach Kriegsende seien nur Sicherheitsgarantien denkbar, die russische Kriegsziele unerreichbar machten. Der Hamburger hält das für eine grobe Verkürzung. Und für ein Stück jener Einheitslinie, die in den großen Blättern längst zur Pflicht geworden ist.

Blockfrei war nicht neutral – und 2019 stand NATO in Verfassung

Was Kortas „neutralen Status“ nennt, war nach dem Gesetz von 2010 unter Präsident Wiktor Janukowytsch ein blockfreier Kurs: kein Beitritt zu Militärbündnissen. Dieser Status fiel nach der Annexion der Krim. Das Parlament in Kiew hob die Blockfreiheit am 23. Dezember 2014 mit 303 Stimmen auf, Präsident Petro Poroschenko unterzeichnete das Gesetz wenige Tage später. Drei Jahre vor dem Großangriff vom Februar 2022, am 7. Februar 2019, verankerte die Werchowna Rada mit 334 Stimmen den Beitritt zu EU und NATO als strategisches Staatsziel in der Verfassung. Der Präsident wurde zum Garanten dieses Kurses erklärt. Der Hamburger schreibt an Kortas: „Die Ukraine ist nie neutral gewesen.“

Die Unterscheidung ist keine Wortklauberei. Blockfreiheit war ein politischer Kompromiss unter Druck. Verfassungsrang für die NATO-Mitgliedschaft ist das Gegenteil. Wer beides in einen Topf wirft, macht aus einer offenen Streitfrage eine abgeschlossene Lehre. Genau das wirft der Hamburger Leser der Korrespondentin vor.

Finnland zeigte, dass Neutralität kein Märchen sein muss

Der Hamburger holt das finnische Beispiel hervor – nicht als Romantik, sondern als Aktenlage. Am 6. April 1948 unterzeichneten Helsinki und Moskau den Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand. Die Sowjetunion wollte kein Aufmarschgebiet an ihrer Nordflanke. Finnland wollte nicht im Ostblock verschwinden. Der Vertrag erkannte ausdrücklich das Bestreben der Finnen an, sich aus den Konflikten der Großmächte herauszuhalten. Finnland trat weder der NATO noch dem Warschauer Pakt bei, blieb Marktwirtschaft und westliche Demokratie – und wurde zur Brücke. Helsinki war Schauplatz von Ost-West-Gipfeln. Der Vertrag galt bis 1992.

Vierte Gewalt, die keine Gegenstimme mehr braucht

Laut Autorenseite der Zeit berichtet Olivia Kortas seit Frühjahr 2022 über den Krieg in der Ukraine. Seit 2023 ist sie Korrespondentin in Kiew. Die Verlagsgruppe machte die Stelle im April 2023 öffentlich: erstmals ein eigenes Büro im Land. Der Blick von dort ist nah am Geschehen – und eng an der Linie, die in Berlin, Brüssel und Kiew als einzig moralisch gilt: durchhalten, aufrüsten, Garantien statt Neutralität.

Der Hamburger Zeit-Leser formuliert den Vorwurf schärfer. Die Korrespondentin einer führenden deutschen Zeitung betreibe ukrainische Propaganda, nehme den Lesern unabhängige Information und schüre ein Feindbild. „Der Journalist muss keine Antworten geben, sondern Fragen stellen und Fakten bringen“, schreibt er. Unabhängigkeit sei der Kern der vierten Gewalt.

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