Der Verein Derad sollte Islamisten auf den Weg zurückführen. Jetzt steht ausgerechnet die Deradikalisierungsstelle selbst im Visier des Staatsschutzes. Laut Sicherheitskreisen fiel ein Großteil der zuletzt 13 Mitarbeiter bei einer Sicherheitsüberprüfung durch.
Staatsschutz zieht die Reißleine
Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) teilte mit, dass sie Hinweise auf einen Einfluss der Muslimbruderschaft auf den Verein sehe. Wie berichtet, beendete das SPÖ-geführte Justizministerium beendete daraufhin die Zusammenarbeit. Auch andere Behörden wurden über die Erkenntnisse informiert.
Am Donnerstag legte DSN-Direktorin Sylvia Mayer nach. Die Erkenntnisse beruhten auf einem „multidimensionalen Erkenntnisansatz“. Es gebe „Erkenntnisse zur Nähe verschiedener Akteure des Vereins zu Strukturen des legalistischen Islamismus“, sagte Mayer. Die Entscheidung über Konsequenzen liege allerdings beim jeweiligen Auftraggeber, in diesem Fall beim Justizministerium.
Derad arbeitete unter anderem mit verurteilten islamistischen Straftätern und Personen nach ihrer Haftentlassung. Seit 2015 ist der Verein im Bereich Extremismusprävention und Deradikalisierung tätig.
Brisanter Sicherheitscheck
Nach Informationen aus Sicherheitskreisen fiel ein großer Teil der 13 Mitarbeiter bei der Überprüfung negativ auf. Die Prüfung war im Juni durch die DSN erfolgt.
Der zeitliche Ablauf wirft zusätzliche Fragen auf. Das Justizministerium hatte die Deradikalisierungsarbeit 2025 neu ausgeschrieben. Derad erhielt dabei den Zuschlag für die glaubensorientierte Variante. Nach Angaben des Vereins waren Sicherheitsüberprüfungen bereits früher erfolgt. Genau das wird aus Sicherheitskreisen bestritten.
Fest steht: Die DSN hatte bereits 2021 ihre Zusammenarbeit mit Derad beendet. Nun führte eine neuerliche Überprüfung dazu, dass auch das Justizministerium die Kooperation stoppte. Strafrechtliche Vorwürfe gegen den Verein gibt es nach übereinstimmenden Berichten nicht.
Vorwürfe reichen bis zur Muslimbruderschaft
Im Zentrum steht die Muslimbruderschaft. Die DSN sieht konkrete Anhaltspunkte für deren Einfluss auf Derad. Der Verein selbst weist das entschieden zurück. Als mögliche Erklärung für die Vorwürfe verweist Derad auf zwei Personen in seinem Umfeld, die eine länger zurückliegende Verbindung zur Muslimischen Jugend (MJÖ) gehabt hätten.
Noch brisanter ist ein weiterer Vorwurf: Derad soll sich dem Vernehmen nach geweigert haben, weibliches und nicht-muslimisches pädagogisches Personal in bestimmte Kurse einzubeziehen. Der Verein weist das zurück und bezeichnet die Behauptung als „einen Schwachsinn“. Als Gegenargument verweist Derad unter anderem auf eine jüdische Sozialarbeiterin, die im Bereich Rechtsextremismus beschäftigt worden sei.
Die Sicherheitsbehörden zeichnen dennoch ein deutlich anderes Bild. Es ist von bestehenden Kontakten einzelner Akteure zu aktiven und ehemaligen Mitgliedern der Muslimbruderschaft sowie von einem strukturellen Einfluss von außen die Rede. Wie weit dieser Einfluss tatsächlich reicht, ist öffentlich allerdings nicht nachvollziehbar.
250 Betroffene plötzlich ohne Derad
Mit dem Ende der Zusammenarbeit geht es nicht nur um einen Verein und seine Mitarbeiter. Derad erklärte Ende August, dass durch den Abbruch der Kooperation die Betreuung von rund 250 Klienten aus dem islamistischen und rechtsextremen Bereich beendet worden sei. Rund 90 davon befänden sich nach einer bedingten Entlassung auf Bewährung in Freiheit.
Der Verein warnte deshalb vor einem „Sicherheitsrisiko“ und beklagte den Verlust von mehr als zehn Jahren praktischer Erfahrung. Das Justizministerium widersprach der Darstellung einer Versorgungslücke und erklärte, die betroffenen Personen würden künftig von anderen Stellen betreut. Die DSN hat ihre Einschätzung inzwischen unmissverständlich gemacht. Der Verein ist für die Sicherheitsbehörde nicht mehr unbedenklich. Derad selbst bestreitet die Vorwürfe.
