Das Bildungssystem sortiert früh – und ziemlich gnadenlos. Eine frische Langzeitstudie des Instituts für Höhere Studien (IHS) zeigt: Nicht Talent entscheidet in Österreich über die Schulkarriere, sondern vor allem der Abschluss der Eltern.
65 zu elf – die Schere geht früh auf
Die Forscher Mario Steiner, Nora Haag und Maria Köpping haben die Wege aller 85.535 Taferlklassler des Schuljahres 2004/05 über 17 Jahre verfolgt. Mit 13 Jahren sitzen 65 Prozent der Akademiker-Kinder in einer AHS-Unterstufe. Bei Kindern, deren Eltern höchstens die Pflichtschule abgeschlossen haben, sind es elf Prozent. Später wird der Abstand größer: 83 Prozent aus bildungsnahen Haushalten landen in einer maturaführenden Schule, bei den bildungsfernen nur 24 Prozent. Mit 22 Jahren steckt mehr als die Hälfte der Akademiker-Kinder selbst in einer tertiären Ausbildung.
Die Werkstatt leert sich, die Hörsäle bleiben voll
Während die Matura- und Uni-Schiene weiter als Königsweg gilt, trocknet genau jener Pfad aus, den das Land für Häuser, Leitungen, Maschinen und Küchen braucht. Zum Stichtag 31. Dezember 2025 zählte die WKO nur noch 102.878 Lehrlinge, um 3.574 weniger als ein Jahr zuvor. Im Gewerbe und Handwerk, immer noch der größte Lehrlingsbereich, waren es 43.965 – minus 1.455. Die Zahl der Lehrbetriebe fiel auf 25.168, ein neues Langzeittief.
Gegenüber stehen hunderttausende Studierende. Im Sommersemester 2025 waren laut IHS-Studierenden-Sozialerhebung rund 312.800 Personen in Bachelor-, Master-, Diplom- und Erweiterungsstudien inskribiert. Jährlich schließen rund 60.000 ein Studium ab, Anfang der 1990er-Jahre waren es etwa 15.000. Jobgarantie gibt das nicht mehr: Im August 2026 lag die Zahl arbeitsloser Akademiker laut Kurier-Auswertung der AMS-Zahlen bei rund 38.000, ein Plus von elf Prozent. Die Quote bleibt mit 3,4 Prozent die niedrigste aller Ausbildungsgruppen – die Richtung der Pipeline ist trotzdem klar: immer mehr Abschlüsse oben, immer weniger Nachwuchs an der Werkbank.
Betriebe suchen Handwerker, Politik diskutiert den Nachmittag
Der Fachkräftemangel ist kein Gefühl, sondern Betriebsalltag. In der WKO-Unternehmensbefragung vom April 2026 gaben 78 Prozent der Betriebe an, vom Mangel betroffen zu sein. Im Gewerbe und Handwerk war der Anteil länger als sechs Monate unbesetzter Fachkräftestellen mit 64,6 Prozent besonders hoch. Die Arbeiterkammer warnte auf Basis von WIFO-Daten vor einer Lücke: Bis 2029 gehen rund 51.000 mehr Menschen mit Lehrabschluss in Pension, als nachrücken. Gesucht werden unter anderem Installateure, Elektriker, Zimmerer, Tischler, Metalltechniker.
IHS-Autor Steiner fordert trotzdem den „massiven Ausbau“ ganztägiger Schulformen. Die Logik dahinter: Wenn Eltern nicht nachhelfen können oder wollen, soll die Schule den Nachmittag übernehmen. Die ÖVP hält dagegen an der Wahlfreiheit fest – Eltern sollen selbst entscheiden, ob das Kind nachmittags in der Schule bleibt oder zu Hause lernt, spielt, mitarbeitet. Genau dort liegt der politische Graben: mehr Staatsschule gegen Familie und Betrieb.
