Rund 1.800 Pädagogen fehlen derzeit in Wiens Kindergärten. Allein bei den städtischen Einrichtungen sind rund 840 Dienstposten unbesetzt. Für FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl ist damit auch die politische Bilanz von Ex-Bildungsstadtrat und heutiger Neos-Bildungsminister Christoph Wiederkehr auf dem Prüfstand.
Von der Personaloffensive zum akuten Mangel
Das Problem kommt nicht überraschend. Bereits im Oktober 2024 erklärte Wiederkehr im Wiener Gemeinderat, man brauche „dringend eine Personaloffensive“. Er zeigte sich damals überzeugt, dass sich die vielen offenen Stellen mit den gesetzten Maßnahmen langfristig wieder besetzen ließen.
Die aktuellen Zahlen zeichnen allerdings ein anderes Bild. Laut ORF stieg die Zahl der offenen Dienstposten bei den Elementarpädagogen in den städtischen Kindergärten von 645 im Mai auf rund 840 im Juni 2026. Insgesamt fehlen laut Gewerkschaft rund 1.800 Pädagogen in Wiener Kindergärten. Die Stadt beschäftigt derzeit rund 3.360 Elementarpädagogen und rund 4.180 Personen im Assistenzpersonal.
Assistenzkräfte statt ausgebildeter Pädagogen
Besonders brisant ist dabei, wie sich der Personalmangel im Kindergartenalltag bemerkbar macht. Die zuständige MA 10 bestätigte gegenüber dem ORF, dass derzeit nicht ausreichend qualifizierte Assistenten als Pädagogen eingesetzt werden. Die Stadt verweist gleichzeitig auf Rekrutierungsmaßnahmen, Jobmessen und eine Ausbildungsoffensive.
Auch bei privaten Trägern ist die Lage angespannt. Die Wiener Kinderfreunde, der größte private Kindergartenbetreiber der Stadt, haben laut ORF rund 200 pädagogische Stellen mit Personen besetzt, die keinen entsprechenden Ausbildungsabschluss vorweisen können. Dabei handelt es sich demnach vor allem um erfahrene Assistenzkräfte oder Personen in Ausbildung.
FPÖ nimmt Wiederkehr ins Visier
Genau hier setzt die Kritik Brückls an. Der freiheitliche Bildungssprecher verweist darauf, dass Wiederkehr rund fünf Jahre für den Bildungsbereich in Wien verantwortlich war, bevor er 2025 als Bildungsminister in die Bundesregierung wechselte. Seine Nachfolgerin als Wiener Bildungsstadträtin ist inzwischen Bettina Emmerling (NEOS).
Brückl wirft Wiederkehr deshalb vor, sich angesichts der aktuellen Zahlen nicht aus der Verantwortung stehlen zu können. „Wer jahrelang für diesen Bereich zuständig war, kann sich angesichts dieser Zahlen nicht aus der Verantwortung stehlen“, erklärte der Freiheitliche.
„Heißer Herbst“ für die Wiener Kindergärten
Für zusätzlichen Druck sorgt inzwischen die Gewerkschaft. Younion-Gewerkschafter Manfred Obermüller fordert ein neues Besoldungspaket und kündigte im ORF einen „heißen Herbst“ an. Zunächst sollen Dienststellenversammlungen stattfinden. Als weitere Ursache des Personalmangels nennt die Gewerkschaft unter anderem die Bezahlung.
Damit wächst der Druck auf die Wiener Bildungspolitik aus mehreren Richtungen. Emmerlings Ressort arbeitet inzwischen an einer Reform unter dem Titel „Kindergarten neu denken“ und startete dazu im März 2026 eine breite Befragung von Beschäftigten. Gleichzeitig bleibt die konkrete Personalnot akut.
Wiederkehr trägt die Bilanz politisch mit
Wiederkehr ist inzwischen nicht mehr Wiener Bildungsstadtrat, sondern Bildungsminister. Gerade deshalb bekommt die Debatte eine zusätzliche politische Schärfe: Ausgerechnet jener Politiker, der auf Bundesebene nun österreichweit Bildungspolitik gestalten soll, hinterlässt in seinem früheren Wiener Ressort ein Problem, das trotz jahrelanger angekündigter Maßnahmen nicht verschwunden ist.
Brückl zieht daraus ein scharfes Fazit: „Die Realität sind 1.800 fehlende Pädagogen, hunderte unbesetzte Stellen und ein System unter zunehmendem Druck.“ Seine Schlussfolgerung ist entsprechend eindeutig: Wer fünf Jahre Zeit gehabt habe, seine Konzepte umzusetzen, müsse sich an den Ergebnissen messen lassen.
