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Mit viel Heimatliebe kämpft Vadim (rechts) in einer Sondereinheit des Geheimdienstes für die Ukraine.

15. Mai 2022 / 10:03 Uhr

Exklusiv-Gespräch mit SBU-Kämpfer: „Glaube an den Sieg der Ukraine bis November”

Der ukrainische Geheimdienst SBU beschäftigt sich nicht nur mit klassisch geheimdienstlichen Aufgaben.
Feind- und Journalistenbeobachtung
So hatten Mitschnitte von Telefongesprächen russischer Truppen zuletzt das Bild vermittelt, dass die Loyalität der russischen Soldaten nur gering sei. Außerdem hat der Geheimdienst seit Kriegsbeginn Ende Februar mehr als ein Dutzend ausländischen Journalisten Einreiseverbote erteilt, weil sie „provokative Beiträge“ veröffentlicht hätten.
Front- und Hinterlandeinsätze
Der SBU hat aber auch kämpfende Truppen. Sie sollen künftig immer drei Wochen im Fronteinsatz und drei Wochen im geheimdienstlichen Auftrag unterwegs sein.
Vadim K. (Name durch die Redaktion geändert) hat sich Ende Februar sofort freiwillig für die Sonder-Miliz des Geheimdienstes gemeldet und berichtet an diesem Wochenende exklusiv für unzensuriert über seine Aufgaben, Erlebnisse und Einschätzungen.
Auf der Suche nach versprengten Russen und Plünderern
Die Aufgabe von Vadims Sondereinheit ist es, die rückeroberten Gebiete als Erste zu betreten und etwaige verbliebene russische Soldaten auszuschalten. Sie suchen und machen Kollaborateure mit Russland dingfest – und Plünderer. Dabei gehen die ukrainischen Einheiten nicht zimperlich vor, abgeurteilt wird schnell. Vadim sagt, er selbst hätte vier Plünderer gestellt.
Außerdem will Vadim von der verbliebenen Bevölkerung erfahren, ob und wenn ja, welcher Kriegsverbrechen sich russische Soldaten schuldig gemacht hätten. Ebenso ist das Verhören der russischen Kriegsgefangenen eine Aufgabe seiner Sondereinheit. Feindliche Soldaten ohne nachweisliche Kriegsverbrechen werden zusammengefasst für spätere Gefangenen-Austausche. Vadim:

Wer sich etwas zu schulden kommen hat lassen, wird in ein staatliches Gefängnis gebracht. Denen wird in der Ukraine der Prozess gemacht werden.

Der erste dieser Prozesse startete am Donnerstag in Kiew.
Als erster in Butscha
Vor dem Krieg hatte Butscha, ein Vorort Kiews, rund 37.000 Einwohner. Am 27. Februar erreichten die ersten russischen Soldaten die Satellitenstadt, am 5. März hatten sie sie erobert. Nachdem sich die russischen Truppen am 31. März aus Butscha zurückgezogen hatten, zog Vadims Einheit als erstes in die teilweise zerstörte Stadt ein.
Laut Vadim befanden sich etwa 40 Prozent der Bewohner von Butscha, Irpin und Borodjanka während all der Kämpfe in ihren Häusern und Wohnungen und beobachteten die Vorgänge auf den Straßen, in den Stiegenhäusern, hörten Szenen in Nachbarwohnungen. „Deshalb gibt es für die Geschehnisse viele Zeugen“, sagt Vadim.
Jedes dritte Haus beschädigt
Vadim kontrollierte Haus um Haus und suchte nach verbliebenen russischen Soldaten. Er betrat wohl als einer der ersten ukrainischen Soldaten auch solche Wohnungen, wo es zu Gewalt gegen Zivilisten gekommen war. Er erzählte von dem, was ihm dort berichtet wurde, insbesondere von Vergewaltigungen durch russische Soldaten.
Vadim ist regelmäßig im Nordwesten Kiews mit dessen nun weltbekannten Plattenbau-Städten. Er schätzt den Zerstörungsgrad in Butscha auf 30 Prozent, in Irpin auf 50 Prozent. Vadim:

Die Schäden sind aber sehr konzentriert, nicht überall.

Angst vor Ausweitung des Krieges
Vadim ist kurzfristig pessimistisch, was den militärischen Konflikt aus ukrainischer Sicht betrifft. Er fürchtet einerseits das Eingreifen Weißrusslands und andererseits den Einsatz von Atombomben, besonders auf Kiew und/oder das abermalige Vorrücken russischer Truppen auf Kiew.
Er wettet weiters auf die Ausweitung des Kriegs auf Finnland und Polen. Die Frage nach der Verfügbarkeit dafür notwendiger Truppen lässt er offen.
Wenig Spielraum für Verhandlungen
Vadim ist ukrainischer Patriot und Optimist: Er glaubt und ist überzeugt vom vollständigen ukrainischen Sieg. Er sieht keine Chance auf eine diplomatische Einigung ohne den vollständigen Rückzug der Russen aus der gesamten Ukraine (für Vadim umfasst das auch den sich 2014 unabhängig erklärten Ost-Donbass und die Krim). Vadim:

Präsident Selenskyj kann aufgrund des enormen Patriotismus keinen Quadratmeter ukrainischen Bodens bei Friedensverhandlungen anbieten. Sonst riskiert er eine Revolution im Land.

Landbrücke zwischen Donbass und der Krim 
Auf die Frage nach den militärischen Prioritäten der Ukraine (Kharkiv, Mariupol oder der russische Brückenkopf Kherson am Westufer des Dnjepr) sieht der Mann der politischen Sondermiliz persönlich Mariupol als wichtigstes Ziel an. Die Durchschneidung der Landbrücke zwischen Donbass und der Krim sollte oberstes Ziel sein, auch wenn es das schwierigste ist.
Vadim denkt, dass sich die russischen Truppen westlich von Mariupol, also zum Beispiel diejenigen in Kherson am rechten Dnjepr-Ufer, von selbst zurückzögen, wenn sie erst vom Donbass abgeschnitten würden. Derzeit konzentrieren sich die ukrainischen Angriffe auf das Umland von Kharkiv, für Vadim unverständlich.
Gegenangriff im Sommer
Für den Sommer erwartet er den ukrainischen Gegenangriff, basierend auf westlichen Waffensystemen. Am wichtigsten sieht er dabei schwere Artillerie. Russische Geschütze sollen 25 bis 30 Kilometer weit schießen können, deutsche und amerikanische aber 40 Kilometer weit. Mit diesen könne man russische Stellungen beschießen, ohne selbst beschossen zu werden. Das Kriegsende sieht der Kämpfer im November – mit einem Sieg der Ukraine.

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