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Krieg bedeutet immer Leid und Verlust: Kampfhandlungen nahe einem Industriebetrieb in Odessa am 3. April.

15. April 2022 / 12:18 Uhr

Wirtschaft in Kriegszeiten: Fakten und Folgen für ein gespaltenes Land

Seit 24. Februar herrscht Krieg in der Ukraine. Der russische Angriff von Osten und Norden her geriet schnell ins Stocken und hat sich zu einem mühsamen, mit vielen Opfern gepflasterten Abnutzungs-Krieg entwickelt. Was bedeutet dies für die Ukraine? In einer Serie geht unzensuriert den Fakten nach.
Menschliches Leid
Ein erheblicher Teil des Territoriums der Ukraine ist besetzt oder in ein Schlachtfeld verwandelt, während der verbliebene Teil des Landes weniger schwere, aber dennoch traumatische Erschütterungen erlebt. Die Kampfhandlungen im Osten des Landes und der Vorstoß der Russen auf die Hauptstadt Kiew haben zu massiver Binnen- und Abwanderung geführt.
Menschen, die zuvor einen sicheren Arbeitsplatz und eine sichere Bleibe hatten, sind auf Unterstützung angewiesen.
Rückgang des BIP
Aktuelle und vertrauenswürdige Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung der Ukraine sind kaum verfügbar. Doch alle Prognosen gehen von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Ukraine aus.
Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem Schrumpfen des BIP im Ausmaß von zehn Prozent, während die ukrainische Regierung mit einem Minus von 35 bis 40 Prozent rechnet – alles unter der Annahme der aktuellen Eroberungen Russlands und einem baldigen Kriegsende.
Geschäftstätigkeit erholt sich langsam
Der Rückgang des Stromverbrauchs um 35 Prozent, wie ihn das Energieunternehmen DTEK meldete, zeigen die Dramatik der Entwicklungen für das ohnedies wirtschaftlich vergleichsweise rückständige Land.
Mehr als die Hälfte der mit westeuropäischen Unternehmen kooperierenden Firmen haben ihre Tätigkeiten in der Ukraine zumindest vorübergehend eingestellt (57 Prozent). Ähnlich sieht die Lage bei den Klein- und Mittelbetriebe (KMU) aus. Knapp 40 Prozent haben ihren Betrieb eingestellt, weitere 20 Prozent haben ihre Geschäftstätigkeit reduziert.
Seit Mitte März erholt sich die Geschäftstätigkeit, hauptsächlich in der mittleren und westlichen Ukraine und in Kiew. Eine weitere Welle der Wiedereröffnung setzte vor etwa zwei Wochen ein, nachdem die russischen Truppen die Oblaste Kiew, Tschernigow und Sumy verlassen hatten.
Kaum noch Exporte
Der Export von Produkten, hauptsächlich Rohstoffen, ging dramatisch zurück, vor allem, weil die Seehäfen von der russischen Marine blockiert wurden und werden.
Laut einer Pressemitteilung des Wirtschaftsministeriums gingen die Exporte im März um die Hälfte zum – schon kriegsbetroffenen – Februar auf 2,7 Milliarden US-Dollar zurück, die Importe auf 30 Prozent (1,8 Milliarden US-Dollar). Ein Viertel der Exporte entfiel auf Eisenerz, während die Metallexporte fast zum Erliegen kamen. Die für den Nahen Osten wichtigen Exporte von Agrar-Rohstoffen gingen im Vergleich zum Februar um das Vierfache zurück.
Blockierte Handelswege
62 Prozent des gesamten Dollar-Werts der Waren wurden im Jahr 2021 über den Seeweg exportiert. Dieser Weg ist jetzt versperrt, und keine Produkte können mehr über den Seeweg exportiert werden. Der Eisenbahn-Warentransport ging verhältnismäßig moderat, nämlich um zwölf Prozent zurück, Lkw-Transporte um fast ein Viertel.
Während der motorisierte Handelsverkehr durch die langen Grenzwartezeiten behindert wurde, hatte die Bahn die Kriegsflüchtlinge aufzunehmen – und entsprechend weniger Kapazitäten für Produkte.
Lenkung der Importe
Um Währungs-Schwankungen zu verhindern, wurden die Importe gesteuert. „Kritische Güter“ aus einer Sonderliste wie Medikamente waren erlaubt, die Liste wird ständig erweitert. Die staatlichen Eingriffe tragen jedenfalls dazu bei, dass sich die Wirtschaft nur langsam erholt.
Seit Anfang April nimmt das wirtschaftliche Verkehrsaufkommen auf Schiene und Straße wieder zu, allerdings sind die Kosten deutlich höher als im Vorjahr.
Ähnliche Inflation wie in EU
Wenn man den offiziellen Angaben der ukrainischen Verwaltung glauben will, stiegen die Verbraucherpreise im März um 4,5 Prozent im Vergleich zum Februar. Auf Jahressicht wird erwartet, dass der Preisanstieg 2022 bei 15 bis 20 Prozent liegen wird (ähnliche Zahlen werden für die EU erwartet).
Allerdings wird die Inflation derzeit durch staatliche Maßnahmen wie Regulierung eingedämmt. So sind die Kraftstoffpreise und die Wechselkurse gegenüber Fremdwährungen eingefroren. Erwartet wird, dass die Inflation sprunghaft ansteigt, sobald Lockerung der Beschränkungen wirksam werden. Denn die erhöhten Produktions- und Logistik-Kosten, der Mangel bei Gütern infolge des Einstellens von Produktion und landwirtschaftlicher Arbeiten werden früher oder später durchschlagen. Gleichzeitig trifft ein deutlicher Rückgang der Verbrauchernachfrage die Wirtschaft schwer: Die vielen Millionen Ukrainer, die zumindest zeitweise das Land verlassen haben, sowie Einkommensausfälle und -rückgang werden erheblichen Druck auf die Kaufkraft ausüben.
Kaum nachhaltige Investitionen
Die Investitionen sind fast völlig zum Erliegen gekommen. Investitionen dürften nur im Zusammenhang mit der Verlagerung von Produktionsstätten, dem Wohnungsbau für Binnenflüchtlinge und öffentliche Investitionen in militärische Infrastruktur erfolgen.
Es wird erwartet, dass sich die Investitionen auch über die nächsten Jahre nicht wieder erholen werden, zumal die Unsicherheiten noch lange nachwirken.
Hohe Verluste bei Banken
Der Bankensektor hat einen erheblichen Teil seines Vermögens in den vom Krieg betroffenen Regionen verloren, sowie 50 bis 70 Prozent des Cashflows aus Krediten (Zinsen und Tilgung). Durch staatliche Eingriffen konnten Liquiditätsprobleme weitestgehend vermieden werden, allerdings werden sich die Folgen des Verzichts auf die aufsichtsrechtlichen Vorschriften (Kapital-, Liquiditäts-, Kreditrisikoanforderungen) erst nach Kriegsende zeigen – und dann wohl Probleme schaffen.
Zu einer nennenswerten Währungsabwertung kam es bisher nicht, da die ukrainische Nationalbank die Wechselkurse sofort nach Einmarsch der Russen eingefroren hat, und zwar auf 29,25 Griwna je US-Dollar. Giro- und Kapitalkonto-Transaktionen in Fremdwährungen wurden verboten. Anfang April stand der Schwarzmarkt-Wechselkurs bei 31 bis 33 Griwna je US-Dollar, also innerhalb von zehn Prozent zum offiziellen Kurs.

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