Kabarettist Gery Seidl hat im krone.tv-Podcast „Message macht Medien“ mit Gerald Fleischmann kein Blatt vor den Mund genommen. Mitten im Gespräch fällt der Satz, der sofort Wellen schlägt: Ein Witz über Armin Wolf, den langjährigen „ZiB2“-Moderator und stellvertretenden Chefredakteur des ORF, wurde bei einer Ausstrahlung einfach rausgeschnitten. Für Seidl kein Einzelfall, sondern Symptom einer tieferen Entwicklung: weg von der echten, ungeschminkten Kabarettkunst hin zu angepasster, kontrollierter Unterhaltung.
ORF-Kenner packt aus
Der 51-jährige Wiener, aufgewachsen in Höflein an der Donau und ursprünglich aus der Bauwirtschaft kommend, kennt den ORF von beiden Seiten. Früher war er selbst in Sendungen wie „Was gibt es Neues?“ oder Sommerkabarett-Formaten zu sehen. Heute spricht er offen über die Schere im Kopf, die bei den Verantwortlichen offenbar immer schärfer wird. Besonders pikant: Der Witz über den mächtigen Nachrichtenmann landete nicht etwa in einer internen Probe auf dem Boden, sondern wurde aus einer bereits fertigen Sendung entfernt. Seidl sagt es klar und ohne Umschweife – und genau das macht die Sache brisant.
Der Witz, der nicht gesendet werden durfte
Laut Seidl war es kein harmloser Seitenhieb, sondern ein Gag, der offenbar zu nah an die Realität des ORF-Betriebs kam. Armin Wolf, seit über zwei Jahrzehnten das Gesicht der „ZiB2“ und bekannt für seine inquisitorischen Interviews mit Politikern, gilt intern als unantastbar. Dass ausgerechnet ein Kabarettist wie Seidl, der sein Publikum mit direktem, oft baustellennahem Humor begeistert, darüber Witze reißen wollte, passte offenbar nicht ins Konzept. Der Sender, der sich selbst gerne als Hüter der Meinungsvielfalt und des kritischen Journalismus feiert, griff zur Schere.
Was genau in dem Gag stand, lässt Seidl im Podcast offen – doch die Tatsache allein reicht. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, finanziert von den Gebührenzahlern, zensiert Satire über einen seiner prominentesten Mitarbeiter.
Humor über den Islam nicht mehr möglich
Seidl bleibt nicht beim einen Fall stehen. Im Gespräch mit Fleischmann rechnet er grundsätzlich mit einer Entwicklung ab, die er als schleichende Zensur durch die Hintertür beschreibt. Cancel Culture, die neuen Tabus rund um Gender und Klima, aber auch die Erfahrungen aus der Corona-Zeit – all das spielt herein. Besonders deutlich wird er bei Mohammed-Witzen: In Österreich sei es offenbar nicht mehr möglich, darüber zu lachen, ohne sofort in die Schusslinie zu geraten. Ein Land, in dem Kabarettisten über bestimmte religiöse oder politische Figuren keine Witze mehr machen dürfen, verliere etwas Wesentliches, nämlich seine Fähigkeit zur Selbstironie und zur offenen Auseinandersetzung.


