Im Wahlkampf und vor dem Amtsantritt der Bundesregierung war die Botschaft unmissverständlich: Der Familiennachzug solle ausgesetzt werden.
Ankündigung ohne Wirkung
Vertreter von CDU und CSU stellten dies als Teil einer umfassenden Migrationswende dar. Doch die kam nicht.
Seit Juli 2025 ist lediglich der reguläre Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten für zwei Jahre ausgesetzt. Dabei handelt es sich um Menschen, die weder als Asylberechtigte noch als Flüchtlinge im engeren rechtlichen Sinn anerkannt sind, denen in ihren Herkunftsländern aber schwere Gefahren drohen. Härtefälle bleiben weiterhin möglich.
Kein allgemeiner Stopp
Der entscheidende Punkt: Die Regelung erfasste nur einen Teil des Familiennachzugs. Angehörige anerkannter Flüchtlinge, Asylberechtigter, Fachkräfte und weiterer Drittstaatsangehöriger konnten unter den jeweils geltenden Voraussetzungen weiterhin Visa erhalten. Und erhielten sie.
Mehr als 50.000 Familiennachzügler
Das zeigt sich auch in den Zahlen des Auswärtigen Amts. Im ersten Halbjahr 2026 wurden demnach 53.598 Visa zum Familiennachzug erteilt. Sollte sich diese Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte ähnlich fortsetzen, könnte die Zahl der erteilten Visa im Gesamtjahr erneut über 100.000 liegen.
Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2024 wurden 63.637 Visa erteilt, 2025 knapp 57.000. Damit ist der Familiennachzug zwar gegenüber den Vorjahren rückläufig. Von einer Aussetzung kann aber nicht gesprochen werden.
Versprechen und Gesetz fallen auseinander
Zumal schon vor der Neuregelung der Familiennachzug eingeschränkt war. Seit 2018 galt ein monatliches Kontingent. Die „Aussetzung“ verschärfte die Vorgaben zwar, betraf aber die Mehrheit aller Fälle des Familiennachzugs gar nicht.
Nicht einmal die Minimalankündigung umgesetzt
Auch bei den subsidiär Schutzberechtigten verschwanden die Visa nicht von einem Tag auf den anderen. Argumentiert wird, dass Verfahren bereits vor Inkrafttreten der „Aussetzung“ weit fortgeschritten waren oder Zusagen schon vorlagen. Zudem galten auch jede Menge Ausnahmen für besondere Härtefälle.
Der angekündigte Kurs bleibt begrenzt
Ein Jahr später lässt sich deshalb festhalten: Der Familiennachzug wurde nicht ansatzweise in der Größenordnung gestoppt, wie er nach den Ankündigungen zu erwarten gewesen wäre. Er wurde in einem begrenzten Bereich ausgesetzt, während Zehntausende Visa weiterhin erteilt werden.
