Europa soll mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernehmen – dieses Argument ist seit Jahren eine Kernforderung der Vereinigten Staaten.
Rutte nennt offen den wirtschaftlichen Nutzen für die USA
Dass davon vor allem die amerikanische Wirtschaft profitiert, spricht NATO-Generalsekretär Mark Rutte inzwischen ganz offen aus.
In einem Interview mit der Financial Times erklärte Rutte am Dienstag, Europas Wiederaufrüstung sichere inzwischen rund 195.000 Arbeitsplätze in der US-Verteidigungsindustrie. Rüstungsgüter im Wert von rund 300 Milliarden US-Dollar haben die europäischen NATO-Staaten in letzter Zeit in den Vereinigten Staaten bestellt.
Milliarden aus Deutschland flossen zunächst in die USA
Die Aussage ist bemerkenswert, weil sie den wirtschaftlichen Nutzen der europäischen Aufrüstung für die Vereinigten Staaten ungewöhnlich deutlich in den Mittelpunkt rückt.
Besonders deutlich wurde dieser Effekt nach der Einrichtung des 100-Milliarden-Euro-Sondervermögens für die Bundeswehr im Jahr 2022.
80 Prozent des Sondervermögens landeten in den USA
Zu den größten Beschaffungsprojekten gehörten der Kauf von 35 F-35-Kampfflugzeugen des US-Herstellers Lockheed Martin, CH-47F-Chinook-Transporthubschraubern von Boeing sowie weiterer amerikanischer Luftverteidigungs- und Waffensysteme. Allein diese Programme umfassen Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe.
Dass dadurch ein erheblicher Teil des Sondervermögens zunächst ins Ausland floss, kritisierte die Chefin des Sensorspezialisten Hensoldt im Frühjahr 2024. Damals hieß es, rund 80 Prozent der Mittel aus dem Sondervermögen würden in die USA fließen.
Auch andere europäische Staaten bestellen in Amerika
Inzwischen hat sich das Bild teilweise verändert. Neue Projekte gehen verstärkt an deutsche Hersteller wie Rheinmetall, Diehl Defence, KNDS Deutschland oder Hensoldt – viele davon aber in Zusammenarbeit mit den USA.
Die Bundesrepublik Deutschland ist keineswegs allein mit dem Abfluss des Steuergeldes in die Wirtschaft der Vereinigten Staaten. So hat Polen unter anderem F-35-Kampfflugzeuge, Abrams-Kampfpanzer, HIMARS-Raketenwerfer, Patriot-Luftabwehrsysteme und Apache-Kampfhubschrauber in den USA bestellt. Belgien, Finnland, Schweiz und die Tschechische Republik haben F-35-Jets von Lockheed Martin in Auftrag gegeben. Rumänien investiert in Patriot-Systeme und bereitet ebenfalls den Einstieg in das F-35-Programm vor. Die Niederlande erweitern ihre F-35-Flotte kontinuierlich.
Europäische Wirtschaftspolitik heute
Für europäische Steuerzahler bleibt der fahle Beigeschmack: Während die europäische, vor allem deutsche Industrie in die Knie gedrückt wird und die Steuerbelastung so hoch wie noch nie ist, freut sich die amerikanische Wirtschaft.
