Karl-Lueger-Statue schief

Mit 776.000 Euro und monatelanger Bauarbeit hat die SPÖ Lueger in Schieflage gebracht. Die Frage bleibt: Warum nur er?

18. Juni 2026 / 16:40 Uhr

Lueger 3,5 Grad-Kippung fertig: Doch Wiens rote Antisemiten bleiben weiterhin unangetastet

Mitten in Wien steht Karl Lueger wieder. Die Statue am Dr.-Karl-Lueger-Platz beim Stubenring wurde nach der Restaurierung um 3,5 Grad geneigt. Die SPÖ-geführte Stadtregierung nennt das eine künstlerische Kontextualisierung und ein Mahnmal gegen Antisemitismus. Jüdische Hochschüler protestierten bei der Wiederaufstellung mit einem Pfeifkonzert und nannten das Vorgehen feige. Für sie ging die Neigung des ehemaligen Bürgermeisters nicht weit genug. Die Bauzäune sind seit Mitte Juni nun entfernt, das Denkmal ist wieder zugänglich. Kosten: 776.000 Euro.

Lueger und sein Wirken

Karl Lueger, der von 1897 bis zu seinem Tod 1910 als Bürgermeister von Wien amtierte und die Christlichsoziale Partei gründete, war als Antisemit bekannt und trieb den politischen Antisemitismus in Österreich voran. In seiner Amtszeit modernisierte er Wien jedoch nachhaltig zu einer funktionsfähigen Großstadt: Die zweite Wiener Hochquellenwasserleitung wurde fertiggestellt, Gas- und Elektrizitätsversorgung sowie die Straßenbahn kommunalisiert, die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien gegründet, das Versorgungsheim Lainz und das Psychiatrische Krankenhaus am Steinhof errichtet.


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Lueger baute ein effizientes kommunales Verwaltungssystem auf, das auf gezielter Patronage und starker Bürgermeisterautorität beruhte, finanzierte Großprojekte über Anleihen und bereitete die Stadt auf das Wachstum zur Millionenmetropole vor. Grundlagen, von denen Wien bis heute in Versorgung, Infrastruktur und kommunaler Selbstverwaltung zehrt.

Linke Antisemiten, andere Maßstäbe

Der Kontrast zu anderen in Wien geehrten Figuren fällt scharf aus. Während bei Lueger die künstlerische Intervention erfolgt, bleiben problematische Erbschaften aus dem linken Spektrum weitgehend unberührt.

Im Karl-Marx-Hof in Döbling thront der Name des Gründers der kommunistischen Theorie weiter unangefochten. Karl Marx, der zwar selbst jüdischer Herkunft war, hatte in „Zur Judenfrage“ Juden als Verkörperung von Schacher und Geld dargestellt und die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum gefordert. Gegenüber dem Sozialisten Ferdinand Lasalle benutze er die Bezeichnung „Jüdischer Nigga” . Petitionen zur Umbenennung des berühmten Gemeindebaus blieben erfolglos. Keine Neigung, keine Kontextualisierung.

Karl Renner, Mitbegründer der Republik und langjähriger SPÖ-Politiker, wird bis heute als Gründervater geehrt. 1920 sprach er in einer Rede von „jüdischen Schleichhändlern“, die Getreide zu Überpreisen aufkauften. Der Historiker Franz Schausberger hat diese Äußerungen als antisemitische Untertöne kritisiert. Renners Erbe bleibt im Mainstream ungebrochen.

Bruno Kreisky, der einflussreichste SPÖ-Bundeskanzler der Zweiten Republik, ist in Wien mehrfach prominent geehrt: mit Bruno-Kreisky-Gasse, Bruno-Kreisky-Platz, Bruno-Kreisky-Hof und einer Gedenkstätte. 1975 äußerte er, der ebenso selbst Jude war, in einem Interview mit dem israelischen Journalisten Zeev Barth den Satz „Wenn die Juden ein Volk sind, so ist es ein mieses Volk.“ Trotz dieser Aussage und der damit verbundenen heftigen Kontroversen erfolgte an seinen Ehrenstätten keine vergleichbare Intervention. Sie stehen unangetastet.

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