Grünen-Chefin Leonore Gewessler hat kürzlich in einem APA-Interview für Aufsehen gesorgt. Beim Bundeskongress ihrer Partei am Samstag in Graz will sie das Thema „Gerechtigkeit” in den Mittelpunkt stellen. Unter dem Motto „Fairer statt schwerer“ greift sie FPÖ-Chef Herbert Kickl frontal an. Sie sei angetreten, weil sie Österreich „nicht kampflos Herbert Kickl überlassen“ wolle.
Eigene Regierungsbeteiligung ausgeklammert
Gewessler sieht die Grünen als Gegenpol zu einer angeblichen Resignation von ÖVP und SPÖ. Sie stellt sich dem „Geschäftsmodell“ der FPÖ entgegen, die nach ihrer Darstellung von Ängsten der Menschen profitiere. Die Grünen-Chefin bezeichnet die Freiheitlichen als „blaue Zerstörer“ und positioniert ihre Partei als Alternative für alle, die mit dem „Verwalten des Niedergangs“ in der aktuellen Regierung unzufrieden seien.
Auffällig bleibt, dass Gewessler die Verantwortung der Grünen für die Jahre in der türkis-grünen Bundesregierung weitgehend ausspart. In dem Interview verteidigt sie vergangene Ausgaben mit Verweis auf Krisen und die damalige ÖVP-Finanzministerrolle. Sie übernehme „gerne die Verantwortung“ für Förderungen bei Heizungsumstellung, Photovoltaik oder E-Autos. Kritiker sehen darin eine selektive Erinnerung: Die Grünen waren bis 2024 Teil der Regierung und mitverantwortlich für zahlreiche Entscheidungen, die heute zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung beitragen.
Gewesslers Lösung: Neue Steuern
Gewessler fordert unter anderem eine Reichensteuer, eine Teuerungsbekämpfung, eine Öffi-Preisbremse sowie das Aus für das Dienstwagenprivileg. Gleichzeitig kritisiert sie die aktuelle Regierung scharf – bei Erneuerbaren-Ausbau, Bodenschutz und Familienpolitik. Österreich drohe ein „Land der Parkplätze und der Betonwüste“ zu werden, warnte sie.
Neben der FPÖ nimmt Gewessler auch SPÖ und ÖVP ins Visier. Sie wirft SPÖ-Chef Andreas Babler vor, sich von der Vermögenssteuer verabschiedet zu haben. Der ÖVP macht sie bei Windkraftausbau und Kindergartenplätzen Versäumnisse zum Vorwurf. Die Grünen wollten dem „alten Denken“ der ÖVP und dem fehlenden Antrieb der SPÖ etwas entgegensetzen.
Der rote Faden bleibt die Anti-Kickl-Linie
Die aktuelle Offensive fügt sich in ein bekanntes Muster der Grünen ein. Seit Monaten dient die Ablehnung von Herbert Kickl und der FPÖ als zentraler Orientierungspunkt. Während Gewessler die Freiheitlichen als Bedrohung darstellt, bleibt die eigene Bilanz aus der vorigen Regierungszeit ein heikler Punkt. Viele Bürger verbinden mit grüner Politik vor allem höhere Belastungen, ideologische Vorgaben und wachsende Distanz zu Alltagsproblemen.

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