Frankreichs politische Gewichte verschieben sich deutlich nach rechts.
Weit vorne bei Umfragen
Weniger als ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl 2027 liegt der Rassemblement National (RN) in fast allen wichtigen Erhebungen klar vorn.
Besonders sichtbar wird das an Jordan Bardella. Der RN-Vorsitzende führt in Unfragen mit 40 Prozent positiven Bewertungen. Direkt dahinter folgt seine Parteikollegin Marine Le Pen mit 39 Prozent. Auch Marion Maréchal und Éric Ciotti, die beide nicht dem RN angehören, aber eine Zusammenarbeit mit ihm suchen, schneiden stark ab. Damit besetzen Politiker aus dem rechten Lager die vorderen Plätze, während Vertreter des Regierungslagers, der Republikaner und der Linken deutlich zurückliegen.
Wichtiger Stimmungstest
Diese Werte sind mehr als ein Stimmungssignal. Sie zeigen, dass sich rechts der politischen Mitte ein neues Kraftzentrum gebildet hat. Ciotti hatte bereits bei der Parlamentswahl 2024 den Bruch mit Teilen der alten Republikaner vollzogen und ein Bündnis mit dem RN gesucht. Maréchal wiederum positioniert ihre Partei Identité-Libertés als möglichen Partner.
Was lange als undenkbar galt, wird damit zunehmend Realität: ein breiteres patriotisches Lager, das den Anspruch erhebt, Frankreich nach Jahren der linken Gesellschaftspolitik neu auszurichten.
Unklarheit über Präsidentschaftskandidaten
Die Frage, wer am Ende für den RN antritt, hängt allerdings weiter an Marine Le Pens persönlicher Lage. Mit Hilfe der Justiz wurde sie im März 2025 aus dem Rennen genommen, als man ihr Missbrauch von Mitteln des EU-Parlaments vorwarf und sie zu einer fünfjährigen Wahlsperre verurteilte. Le Pen weist die Vorwürfe zurück und hat Berufung eingelegt. Das Berufungsgericht in Paris soll in vier Wochen entscheiden.
Sollte sie nicht kandidieren dürfen, stünde Bardella bereit – und die Umfragen deuten darauf hin, dass er nicht nur Ersatz wäre, sondern womöglich sogar der stärkere Kandidat.
Rechte bereit für Verantwortung
Während der RN geschlossen und entschlossen wirkt, zerlegt sich die Konkurrenz. Emmanuel Macron kann nicht noch einmal antreten, seine Präsidentschaft zeigt die Misere der bürgerlichen Politik: Feigheit, die Probleme an der Wurzel zu packen, Pfründe sichern, Geld mitnehmen.
Große Reformprojekte sind ins Stocken geraten oder wurden vertagt. Die Rentenreform ist bis zur Wahl ausgesetzt, andere Vorhaben kommen kaum voran. Zugleich wächst der finanzielle Druck auf das hochverschuldete Land.
Verteilen der Beute schon vorher
Macrons mögliche Erben konkurrieren untereinander. Édouard Philippe hatte seine Ambitionen früh erkennen lassen, Gabriel Attal meldete ebenfalls Ansprüche an. Beide sprechen ein ähnliches Wählermilieu an und schwächen sich damit gegenseitig. In einigen Umfragen fällt Philippe deutlich zurück, wenn Attal ebenfalls antritt; ohne Attal steht Philippe besser da.
Links zerlegt sich
Noch dramatischer ist die Lage links. Jean-Luc Mélenchon hat seinen Wahlkampf bereits begonnen und setzt erneut auf einen linksradikalen Kurs – in Umfragen wird er dafür als einer der unbeliebtesten Politiker des Landes abgestraft. Zugleich attackiert er regelmäßig Sozialisten und Grüne, die ihm zu kompromissbereit erscheinen.
Die gemäßigtere Linke wiederum ringt mit sich selbst. Raphaël Glucksmann, François Hollande und weitere mögliche Bewerber stehen für unterschiedliche Strömungen, aber nicht für ein gemeinsames Projekt. Sozialisten, Grüne, Kommunisten und Mélenchons Lager hatten bei der Parlamentswahl zwar zeitweise zusammengefunden, doch es ist unklar, ob die Linke überhaupt mit einem gemeinsamen Kandidaten antreten kann.
Strategischer Vorteil für rechts
Für den RN ist diese Zersplitterung ein strategischer Vorteil. Er vermittelt Geschlossenheit, klare Führung und den Anspruch, nationale Interessen wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
Frankreich steht damit vor einer historischen Entscheidung im nächsten April. Die Brandmauer gegen rechts funktioniert immer weniger. Wenn Marine Le Pen antreten darf, wird sie erneut zu den Favoriten zählen. Wenn nicht, könnte Jordan Bardella den Generationswechsel einläuten. In beiden Fällen gilt: Der Weg zum Élysée führt 2027 kaum am Rassemblement National vorbei.


