Das Rumoren aus der ÖVP-Zentrale in der Wiener Lichtenfelsgasse ist unüberhörbar. ÖVP-Chef Christian Stocker ist nach seinem Klubobmann August Wöginger nun auch noch sein Generalsekretär Nico Marchetti abhanden gekommen. Wäre die ÖVP ein Fußballteam, würde man von Auflösungserscheinung sprechen.
Mann der feinen Klinge, aber kein Bihänder
Gemunkelt wurde ja schon lange, aber gestern, Dienstag, war es dann soweit: Nico Marchetti, der als Generalsekretär eine der wichtigsten Funktionen der Partei inne hatte, schmiss hin. Ihm liege die feine Klinge mehr als der Bihänder, schrieb Marchetti in seinem „Persönlichen Statement“ auf Facebook. Er wolle nicht ausschließlich Berufspolitiker sein, sondern sich ein zweites Standbein aufbauen. Abgeordneter zum Nationalrat bliebe er aber.
Kurz-Mitarbeiter als Nachfolger
Die Nachfolge werde zeitnah bekanntgegeben werden, so Stocker am Dienstagabend. Aussichtsreichster Kandidat soll laut mehreren Medienberichten Markus Gstöttner sein. Er war stellvertretender Kabinettchef unter den Bundeskanzlern Sebastian Kurz, Alexander Schallenberg und Karl Nehammer. Im Jänner wurde Gstöttner von Stocker zum Sonderbeauftragten für die Reformpartnerschaft ernannt.
Zunehmend unter Druck geraten
Ob Marchetti so freiwillig, wie es den Anschein hat, den Posten aufgegeben hat, darf bezweifelt werden. Der 36-jährige Wiener geriet innerparteilich zunehmend unter Druck, als er sich vor der Wahl der ORF-Spitze öffentlich für eine Bewerbung des letztlich erfolgreichen damaligen APA-Geschäftsführers Clemens Pig ausgesprochen hatte. Damit befeuerte er die in der Öffentlichkeit ohnehin verbreitete Meinung, hier handle es sich um ein parteipolitisches Spiel. Dass die Umfragewerte der Partei im Keller liegen, trug auch nicht gerade dazu bei, Marchetti eine erfolgreiche Karriere als Generalsekretär zuzuschreiben.Â
Treppenwitz der Geschichte
Die ÖVP im Personal-Desaster. Dass zuvor schon Klubchef August Wöginger wegen seiner Verurteilung (nicht rechtskräftig) im „Postenschacher-Prozess“ den Hut nehmen musste (aber nicht als Nationalratsabgeordneter und ÖAAB-Chef), ist ein Treppenwitz der Geschichte. Denn Wöginger wollte, wie er im Parlament verkündete, einen Keil in die freiheitliche Partei treiben. Letztlich aber hat er dazu beigetragen, die eigene Partei zu spalten.Â
