Indien: Büchnerpreisträger gegen Nationalratspräsident

1. März 2011 - 10:40
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		Hindu-Pilger am Ufer des Ganges. WInkler sah darin menschliche und
		tierische Kadaver herumtreiben.
		Foto: Julijan Nyce / WIkimedia
Hindu-Pilger am Ufer des Ganges. WInkler sah darin menschliche und
tierische Kadaver herumtreiben.
Foto: Julijan Nyce / WIkimedia
Kurztitel: 
Indien-Streit um Sauberkeit

Josef Winkler, Kärntner Büchnerpreisträger von 2008, liebt nach eigenem Bekunden Indien. Folglich erregte er sich sehr, als ihm bekannt wurde, dass der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf dieses Land im Rahmen einer parlamentarischen Reise besucht hatte und dabei darauf hingewiesen hatte, dass in Indien viel Schmutz herumliege. In der Presse holt er unter dem Titel "Der rot-weiß-rote Schmissbruder in Indien" zur großen Abrechnung mit Graf aus, bedient sich dabei gänzlich unliterarischer Sprache und bringt in Rage auch die Zahlen ziemlich durcheinander. Einige Zitate aus seinem Kommentar:

Josef Winkler

Josef Winkler

Indien-Fan Josef Winkler reitet wilde Attacken gegen Martin Graf.
Foto: Tsui / Wikimedia

Flächenmäßig ist Indien ungefähr gleich groß wie Europa, hat aber mehr als doppelt so viele Einwohner, weit über eine Milliarde Menschen. [...]

(Fläche Indiens: 3.287.590 km², Fläche Europas: 10.180.000 km²; Indiens Einwohnerzahl: ca. 1,2 Milliarden, Europas Bevölkerung: 740 Millionen. Tatsächlich ist Indien also etwa 1/3 so groß und hat 1,6 mal so viele Einwohner wie Europa, Anm.)

Jetzt lese ich in der Zeitung, dass vor einigen Tagen auch die Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, mit einer vierköpfigen Abgeordneten-Delegation, in Indien war, unter ihnen auch der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf, der dann gesagt haben soll, dass „Indien nicht mein Land ist, weil der viele Schmutz überall ist“, und dass, so Graf weiter, wenn jeder der einen Milliarde Inder nur einen Tag Besen und Schaufel in die Hand nähme, das Land anders ausschauen würde. Das ist natürlich eine faschistoid-rassistische Aussage, von einem Burschenschaftler und Schmissbruder erwartet man sich nichts anderes.

Wüste Tiraden des Künstlers gegen Graf

Die Parlamentspräsidentin der größten Demokratie der Welt, Pratibha Devisingh Patil, habe auf Martin Graf, den „Second Vicepresident of the Austrian Council“, wie ihn Barbara Prammer nannte, vier Stunden warten müssen. Während sich die grüne Nationalratsabgeordnete Ruperta Lichtenecker erklären ließ, wie „Gender Budgeting“ in Indien funktioniert, soll sich Graf ans Dessertbuffet herangemacht haben.

Dieser unverschämte Kerl soll gefälligst, wenn er das möchte, mit seinen privaten Geldern und mit einem österreichischen Besen in der Hand nach Indien reisen, dort kann er, ausgestattet mit seiner braunen, ledernen Folklorejacke, vor dem Taj Mahal sein Gehirn auskehren, nein, das möchte ich doch nicht, ich möchte nicht, dass „mein Land“ von so einem Gehirn beschmutzt wird.

Das passt zwar alles gut in sein bisheriges Oeuvre, sollte aber von der Presse vielleicht doch besser als „Fiktion“ und mit dem Satz „Die handelnden Personen sind frei erfunden, sie haben nichts mit lebenden Personen zu tun“ gekennzeichnet werden, damit es keinen Leser verwirrt und mit einer Tatsachenschilderung verwechselt.

Meira Kumar

Meira Kumar

Die Parlamentsdelegation bei Parlamentspräsidentin Meira Kumar.
Mit dabei Martin Graf (rechts) - pünktlich.
Foto: Parlamentsdirektion / Gehard Marschall

Der tatsächlich existierende Martin Graf, Dritter Nationalratspräsident Österreichs, hat daher ebenfalls in der Presse (am 23.2.2011) seine, von der obigen Fiktion stark abweichenden Reiseeindrücke unter "Wenn einer eine Reise tut …" geschildert, aus der wir jene Passagen zitieren, die jene Fiktion richtigstellen:

Graf entlarvt Winklers periphere Kenntnis Indiens

Anlass für die Aufregung ist der Umstand, dass in Neu-Delhi viel Schmutz herumliegt. Das ist nicht bloß mir aufgefallen, sondern allen Reiseteilnehmern, und war daher Gegenstand einer abendlichen privaten Unterhaltung. Was einen der beteiligten Journalisten dazu veranlasst hat, die Essenz dieses Gespräches ausschließlich mir zuzuschreiben und so darzustellen, als wäre das die größte Erkenntnis dieser Reise gewesen, bleibt sein Geheimnis. […] Völlig dem Reich der Fantasie entspringt der Vorhalt, ich sei zu einem wichtigen Termin zu spät gekommen. Das wäre schon technisch nicht möglich gewesen, denn wir waren stets im Konvoi unterwegs. Dennoch erfahre ich nun, dass „die Parlamentspräsidentin der größten Demokratie der Welt, Pratibha Devisingh Patil“ gar vier Stunden auf mich gewartet habe. Die Dame ist, soviel Nachhilfe für den Indien-Kenner sei gestattet, Staatspräsidentin.  Die Parlamentspräsidentin heißt Meira Kumar und wurde von uns ebenfalls besucht. Bei beiden Terminen war ich pünktlich.

Fäulnis und Verwesung als Inspiration

Das Match Büchnerpreisträger gegen Präsident scheint eindeutig ausgegangen zu sein. Doch damit nicht genug, entlarvt ein Blick auf Winklers vergangene Aussagen die Doppelbödigkeit seiner Argumentation. Denn wenn er, wie er sagt, Indiens liebt, dann tut er das auf seine sehr spezifisch-eigene Art, die im Bericht zur seinerzeitigen Preisverleihung seitens der rennomierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung so beschrieben wurde:

Dass Winkler […] am stärksten empfindet, wenn Ausscheidungen und Sekrete, Fäulnis und Verwesung ins Spiel kommen, mag man als abstoßend empfinden, kalkulierte Lust an der Provokation sollte man diesem Autor indes nicht unterstellen, allenfalls sucht er wollüstig die Reinheit im Unreinen, die Erlösung in der Überwindung des Ekels.

Diese, seine grosse Liebe zu Indien entdeckt er allerdings erst mit der Zeit. Seine ersten Eindrücke schildert er am 16.4.2010 in der Presse so:

Der inzwischen verstorbene Wiener Literaturprofessor Wendelin Schmidt-Dengler hatte mir während einer gemeinsamen Zugfahrt von Udine nach Klagenfurt, ein halbes Jahr vor unserer ersten Reise nach Indien, die Empfehlung gegeben, in die heilige Stadt der Hindus, nach Varanasi ans Ufer des Ganges, zu fahren, da ich, wie er meinte, in dieser Stadt, die auch „Mahashmashana“ genannt wird, was so viel heißt wie „Der große Einäscherungsplatz“, wegen meiner inzwischen schon bekannt gewordenen literarischen Todesfantasien in Indien am besten aufgehoben sein würde. Die Fahrt in der Finsternis von der Main Station von Varanasi zum Hotel ans Gangesufer, ebenfalls mit einer Motorrikscha, dauerte über eine halbe Stunde. An Hunderten ratternder und nach Diesel stinkender Generatoren fuhren wir vorbei, in der halbfinsteren Stadt, in der der Strom ausgefallen war, in engen Gassen durch das Gewühl von Mensch und Tier. Erschöpft und übermüdet, entsetzt vom Anblick des chaotischen Straßenlebens – ich hatte geglaubt, dass wir durch die leibhaftige Hölle fahren –, kamen wir am Assi Ghat im Hotel Ganges View an, bezogen das vorbereitete Zimmer und wurden zum Abendessen gerufen. Die nepalesischen Dienerbuben brachten uns auf einem blechernen Dahli die mir völlig unbekannten Speisen, die ich nicht essen wollte. Ich bekam sofort Angst vor Hunger. Wie sollte ich es hier drei Monate lang aushalten! [...]

Ganges

Ganges

Hindu-Pilger am Ufer des Ganges. WInkler sah darin menschliche und
tierische Kadaver herumtreiben.
Foto: Julijan Nyce / WIkimedia

In Varanasi gibt es auch ein Sterbehaus, in dem sich Sterbende einmieten können, die, der Vorschrift entsprechend, nicht mehr medizinisch betreut werden, nur mehr auf den Tod warten. Alle paar Stunden erhalten die Todkranken ein paar Tulsi-Blätter und das heilige Wasser der Ganga, die beste Medizin zum Sterben. Tote Kleinkinder und Heilige werden nicht verbrannt, sondern mit groben Hanfschnüren auf einen schweren, flachen Stein gebunden, mit einem Boot in die Flussmitte hinausgerudert und in der Ganga versenkt. An der Stelle, wo die Toten im Fluss versenkt werden und man sich am Grunde des Flusses einen Berg von schweren Steinen und Skeletten vorstellen kann, sind es die Kinder und Jugendlichen, die mit großen aufgepumpten Autogummireifen im Wasser schwimmen. Dann und wann kommt es vor, dass sich etliche Meter unter ihren im Wasser zappelnden Füßen der Kadaver eines Kindes vom Stein löst und an die Flussoberfläche getrieben wird. Auf der anderen Seite des unbebauten, schlammigen und sandigen Ufers der Ganga wartete damals jeden Tag eine Kolonie Geier. Inzwischen sind die Geier in Indien ausgestorben. […] Und wenn ich, […] (im Zusammenhang mit Ganges-Wasser, Anm.) das Wort „frisches Wasser“ in den Mund nehme, was natürlich gewagt ist, denn ich sah einige Menschenkadaver und viele Tierkadaver im Ganges herumschwimmen, tote Hunde, Ziegen, Kälber, so fallen mir die Kinder und Jugendlichen ein, die irgendwann im Laufe des Tages mit einem Handtuch auf dem Schlüsselbein, mit einem Brocken pinkfarbiger Seife in der Hand, auf der „Ganga“ steht, oder gar mit einer Zahnbürste, auf der die Zahnpasta bereits zu Hause aufgetragen wurde, ans Ufer des Ganges kommen, dort ihre Freunde treffen, baden und ihre Wäsche waschen. Die halbwüchsigen Jungen einer armen Bauernfamilie, die am Assi Ghat ihre Wasserbüffel zur Tränke führten, die keine Seife hatten und die ihre Haut mit lehmigem Sand abrieben, säuberten und mit Gangeswasser abspülten, werden mir ewig in Erinnerung bleiben.  […]

Von einem kleinen nackten Mädchen mit struppigem Haar ist die Rede, einem Mädchen, das mit einem jungen Geier, der voller Läuse war, vor mich hintrat, den Geier immer wieder an seinem Schnabel küsste und streichelte und mir auf Hindi zu verstehen gab, dass auch ich, wenn es dafür Bakschisch bekäme, den Geier streicheln dürfe. […]

Jetzt sind es die wilden Straßenhunde und Krähen, die von den Kadaverdeponien die gefährlichen Erreger zu Mensch und Tier in die Dörfer und Städte schleppen. [...]

Was kümmert's den Künstler?

Wenn es dieses Indien ist, das Josef Winkler so liebt, ist seine Aufregung freilich verständlich, wenn ein Politiker vorschlägt, dort mit Hilfe von österreichischem Know-How in den Bereichen Müllentsorgung und Wasseraufbereitung zu mehr Sauberkeit beizutragen. Es würde dem Künstler womöglich die Inspiration nehmen und ihn in seiner Schaffenskraft hemmen, und das zählt freilich mehr als die unzähligen Menschen, die wegen der teils katastrophalen hygienischen Verhältnisse ihr Leben lassen müssen.

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Kommentare

Nur die 2 Hauptstraßen werden überwacht.(Aber auch dort liegt Müll unter den Hecken). Geht man zu Fuß durch die Stadt, findet man Dreck genug. Bäumchen wachsen aus verfallenden Häusern. Müll zu Hauf. Den geführten Touristen zeigt man nur die Schokoladenseite. Wäre ja erstaunlich, wenn sich Asiaten plötzlich "sauber" verhalten würden. :-)

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... in Singapoor liegt schon fünfzehn Jahre zurück. In fernen Länder gehe ich gerne zu Fuß auch gerne abseits der Hauptstraßen durch die Stadt. Damals war diese Stadt aber sauber. Natürlich können die auch nicht jede Ecke überwachen und Touristen haben halt ihre Gewohnheiten mit dem Müll. Hat sich das ihrer Meinung jetzt geändert?

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Ich habe mich 1994 längere Zeit in der Stadt aufgehalten. Damals war schon die Rede, wie sauber die Stadt ist. Westliche Burschen wurden am Flughafen herausgefischt und zum Haareschneiden zum Friseur geschickt, weil ihre langen Haare angeblich "nicht aufgeräumt genug waren." Deshalb habe ich den Saustall in den hinteren Straßen photographiert. Das war nicht der Müll von Touristen, sondern von den dort Hausenden. Z.B. ein Restaurant "Muslim Food" komplett zugemüllt. Daß die Einheimischen in den Hochhäusern die Wäsche zum Trocknen an Stangen aus den Fenstern hängen, wie in Neapel, schaut auch nicht ordentlich aus.Baufällige Häuser passen auch nicht ins Bild vom Wohlstand. Alles ist relativ.Auf meinen vielen Weltreisen (ohne Reiseleitung und allein) habe ich in 5 Kontinenten genug Saustall gesehen. Singapoor war keine rechte Ausnahme, außer im Zentrum. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn sie nicht mir ihrer "Sauberkeit" derart angeben würden.

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In Dubai habe ich erfahren, dass Ausländer, die Dreck machen oder Wände beschmieren, sofort abgeschoben werden. Ich wurde darauf aufmerksam, als ich in sauberen Unterführungen schneeweiße Wände sah. In der Stadt leben aber mehr ausländische Gastarbeiter als Einheimische. Es funktioniert also - wenn man will !

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Ich bin kein Burschenschafter und ich halte es trotzdem auch nicht für faschistoid-rassistisch, wenn festegestelllt wird, daß es sauberere und schmutzigere Länder gibt. Rassistisch kann es schon gar nicht sein, weil Singapore ein Staat, der auch von Asiaten bewohnt wird, angeblich das (die) sauberste Land (Stadt) der Welt ist. Es gibt ja auch in Europa, wie jeder feststellen kann, Unterschiede in der Sauberkeit der Straßen und Wohnbauten. In Singapore ist es aber sicher so sauber, weil einfach die Strafen für Verdrecken drakonisch sind. Das wäre auch für manche Gemeindebausiedlungen in Wien vorbildhaft. 20 Stockschläge für rücksichtslose Müllverteiler wären ein guter Anfang.

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dem antifaschistischen und regimetreuen Künstler das "naturbelassene" Indien zu nehmen und zu verändern.
Nur Rassisten und kapitalistische Imperialisten sind der Meinung, dass diese Zustände Menschenunwürdig sind ...
http://eco13.net/wp-content/uploads/2009/08/ganges-foto-afp-prakash-sing...
http://feww.wordpress.com/2009/12/02/the-resourceful-ganges-river/
http://weltbilder.cc/details.php?image_id=1648
http://www.frankossen.com/Floating_Corpse_in_Ganges_-_Varanasi.jpg

Ein toleranter Mensch holt die Verursacher dieser Zustände ins Land und fördert die kulturelle Bereicherung dieser Menschen, die von Fortschritt, Umweltschutz und Menschenrechten noch nicht verdorben wurden.

Vorschlag: Hrn. Winkler im Ganges längsschiffs Kielholen und in einem Sterbehaus die ärztliche Hilfe (streng nach Vorschrift) verweigern

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Was kümmert uns der Dreck in Indien? Wir haben die Zigeuner in Europa. Reicht das nicht? :-)

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Bild des Benutzers der faule Willi
Bild des Benutzers der faule Willi

... obwohl ich nichts dagegen machen kann.

Der Dreck hierzulande, die linken Chaoten an erster Stelle, macht mich dagegen unermeßlich wütend!!!

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dfW

Auch für Künstler nicht.

Sonst kann sich ein jeder wie Kramer als Hitler anziehen und die Hand zum Hitlergruß heben. Wäre er ein Rechter sitze er heute noch ein. Da könnte man ja die Produzenten von Kinderpornos auch nicht belangen. Sie bezeichnen ihre Videos sicher auch als Kunst.

Oh Gott, sind die da oben deppert!

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